Heute, fünfhundert Jahre nach dem Thesenanschlag, sind die Kirchen immer noch nicht wiedervereinigt, obwohl beispielsweise der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Kardinal Marx, immerhin als Vorsitzender der Katholischen Bischofskonferenz oberster Repräsentant der katholischen Kirche in Deutschland, für die Wiedervereinigung der Kirchen betet, wie er sagt. Doch die Identitätskrise der beiden Kirchen, insbesondere in Deutschland, lässt sich nicht mit der Wiedervereinigung beheben. Vor allem die evangelischen Kirchen haben im zu Ende gehenden Lutherjahr 2017 eine große Chance der Erneuerung, die dringend geboten wäre, regelrecht verspielt, böse Zungen sagen auch verpennt! Wäre am 31. Oktober 2017 aus Anlass des Lutherjubiläums kein bundesweiter gesetzlicher Feiertag politisch angeordnet worden, wäre das Lutherjahr bei den Deutschen als eine ziemlich gleichgültige Angelegenheit abgehakt worden.
12,4 Millionen Mitglieder haben die Kirchen verlassen
Noch sind die Kirchen, nüchtern und rein zahlenmäßig betrachtet, die mitgliederstärksten Organisationen in Deutschland; aber nur, weil sich die Mitgliedschaft im Bewusstsein der Deutschen so „gehört“. Immer noch bestehen Hemmungen, auch gegenüber der eigenen Verwandtschaft, aus der Kirche auszutreten. Da mögen auch liebgewordene Traditionen und Erinnerungen, im Hinblick auch auf die inzwischen eigenen Kinder, eine Rolle spielen: Weihnachten, Konfirmations- und Kommunionsfeiern im Familienkreis sind Beispiele. Doch die Hemmungen gegenüber einem Kirchaustritt nehmen immer spürbarer für die Kirchen ab. Im Jahr 2016 zählte die katholische Kirche in der Bundesrepublik noch 23,6 Millionen Mitglieder und die „Konkurrenz“ der evangelischen Kirchen 21,9 Millionen. Seit der 1990 erfolgten Wiedervereinigung Deutschlands verloren aber die Katholiken und Evangelischen in Deutschland bis Ende 2016 über 12 Millionen „Schäfchen“. 1990 hatten beide Kirchen zusammen 57,9 Millionen Mitglieder, 2016 waren es noch 45,5 Millionen.
Insbesondere die Evangelischen reduzierten sich von 29,4 Millionen (1990) auf 21,9 Millionen (2016) – also um 7,5 Millionen. Bei den Katholiken sieht die Entwicklung etwas freundlicher aus: 4,9 Millionen Mitglieder, von 28,5 Millionen auf 23,6 Millionen, kehrten im Zeitraum 1990 bis 2016 der Kirche den Rücken. Doch diese Alarmzahlen nehmen die Kirchenleitungen als säkulare Entwicklung so einfach hin. Von Ursachenforschung – etwa zu eigenen Fehlern – keine Spur!
Stellungnahmen durch Bischöfe ohne Sachkompetenz
Insbesondere die evangelische Kirche ignoriert die Entwicklung des Mitgliederschwunds in einer unglaublichen Arroganz, vor allem beim Rat der Evangelischen Kirche, dessen Vorsitzender derzeit der bayerische Landesbischof, Heinrich Bedfort-Strohm, ist. Von ernsthaften Fragen, weshalb insbesondere die Evangelischen in Scharen von ihrer Kirche nichts mehr wissen wollen, ist ernstlich nichts bekannt, solange die Einnahmen durch die gesetzliche Kirchensteuer infolge der höheren Lohn- und Gehaltssummen und durch andere Einnahmequellen sprudeln. Das Lutherjahr wäre eine gute Gelegenheit zum Aufbruch zu neuen Ufern gewesen. Doch von Gott und der Vergebung war in den Gottesdiensten wenig zu hören, dafür viel von Obergrenzen, die es nicht geben dürfe … Doch eine offensichtlich links-grüne und fundamental unterwanderte evangelische Kirche will weiterhin politisieren und zu allen möglichen tagesaktuellen Fragen von der Klimaentwicklung bis hin zum Dieselantrieb, von denen ein Heinrich Bedfort-Strom oder Frau Margot Käßmann erkennbar herzlich wenig verstehen, Stellung nehmen. Schuster bleib bei Deinem Leisten, heißt ein Sprichwort.
Schon der vielleicht bedeutendste evangelische Theologe und Prediger der bundesdeutschen Nachkriegszeit, Prof. Dr. Helmut Thielicke, beklagte in seinem Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Wort – Gedanken zur Zukunft des Christentums“ (Hoffmann und Campe) den oft peinlichen Dilettantismus kirchlicher Amtsträger: Sie, so Thielicke auf Seite 195, „nehmen in Fragen eines ihnen fremden Metiers eine Sachkompetenz in Anspruch, der sie nicht gewachsen sind. Hier werden gelegentlich auch kleine Kirchenlichtlein vom Hauch unendlicher Zuständigkeitsgefühle angefacht, und mancher Brunnenfrosch beginnt vom Ozean zu träumen.“
Es konnte daher nicht verwundern, dass gerade im Umfeld des Lutherjahres 2017 renommierte evangelische Theologen/Theologin und Professoren bzw. Professorin wie Friedrich Wilhelm Graf, Ulrich Körtner, Thomas Kaufmann oder Dorothea Wendebourg die evangelische Amtskirche heftig kritisieren. Es sei im Lutherjahr kaum zu erkennen, um was es eigentlich dem Reformator ging. Allein die „Installation der Botschafterin“ Margot Käßmann war dem Theologen Kaufmann ein Anlass zur Kritik. Die ehemalige Ratsvorsitzende, die wegen einer alkoholisierten Fahrt am Steuer ihr Amt aufgeben musste, ist nicht gerade konsensfähig, sondern steht zusammen mit Bedfort-Strohm für eine ideologisch ausgeprägte evangelische Kirche. Unvergessen von Käßmann ist der Skandalsatz „Nichts ist gut in Afghanistan“ in einer Silvester-Predigt in der Dresdener Frauenkirche. Käßmann als Verkünderin einer radikalpazifistischen Strömung.
Der Professor, Theologe, Prediger und Publizist Helmut Thielicke dürfte Bedfort-Strohm, Käßmann und andere selbsternannte Welterklärer theologisch vor Neid erblassen lassen, denn Thielicke füllte in seinen Predigten die 3.000 Sitzplätze der großen Hamburger Hauptkirche „Michel“ oft schon eine Stunde vor Beginn des Gottesdienstes. Thielicke gehörte zu den Predigern, die Kirchen eben nicht „leerpredigten“. Woran mag dies gelegen haben? Darüber sollte der Ratsvorsitzende der EKD, der lediglich während seiner Amtszeit seine SPD-Mitgliedschaft ruhen lässt, nachdenken.
Keine Schadenfreude
Über die Entwicklung unserer Kirchen ist trotz der heute weitgehenden fehlenden Kompetenz der kirchlichen Amtsträger in politischen Sachfragen Schadenfreude keineswegs angebracht. Erfreulicherweise kehren viele ausgetretene Kirchenmitglieder keineswegs ihrem christlichen Glauben den Rücken. Ganz im Gegenteil. Sie beten das „Vaterunser“ außerhalb der Amtskirche. Sie lehnen aber Politveranstaltungen wie den evangelischen Kirchentag ab. Dabei hätten die Kirchen gerade heute große Betätigungsfelder etwa in Beiträgen für die Verhinderung der Verrohung unserer Gesellschaft.
Wenn natürlich schon kirchliche Spitzenvertreter wie der EKD-Ratsvorsitzende Bedfort-Strom und Kardianal Marx das Kreuz – wie in Jerusalem geschehen – anbiedernd ablegen, kann es nicht überraschen, dass die Kirchen in Deutschland immer mehr Vertrauen verlieren. Noch sind die Kirchen „reich“ – dies verführt sie zum Leichtsinn. Noch sprudeln, wie oben erwähnt, die Einnahmen
Die Kirchen müssen wieder ein Hort der Besinnung und Hoffnung werden. Dazu gehört keine Doppelmoral auch innerhalb der katholischen Kirche u.a. mit dem Missbrauch zahlloser Kinder und Jugendlicher. Die Glaubwürdigkeit der Kirchen steht auf der Kippe.
Die evangelische Kirche wiederum hätte jetzt, wie Martin Luther vor fünfhundert Jahren, eine Reformation zur Rückbesinnung zur frohen Botschaft und vor allem zur Versöhnung, nicht zur auch politischen Ausgrenzung von Mitgliedern, anstoßen müssen. Diese Chance wurde vertan.